SZ 21.02.17: Die Welle der SPD-Euphorie schwappt bis in die bayerische Provinz

Veröffentlicht am 25.02.2017 in Lokalpolitik

Martin Baumann, SPD-Ortsvorsitzender in Trostberg (rechts), und Landtagsabgeordneter Günther Knoblauch freuen sich über neue Mitglieder. (Foto: Johannes Simon)

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sorgt sogar in kleinen Orten im tiefsten Bayern für neue Parteieintritte.

Der Star der Trostberger SPD sitzt im Wirtshaus in der Eckbank. Sein grauer Walrossbart ist ordentlich gestutzt, für diesen feierlichen Moment wählte er einen beigen Pullover. Gerade setzt er sein Weißbier ab, fischt nach der nächsten Weißwurst, da erleuchtet die Sonne durch das Fenster sein Gesicht, sein Name wird verkündet: Martin Holzner. Applaus, Tischklopfen. Holzner blickt fast verwundert in die strahlenden Gesichter. "Es gfreit mi, dass du zu uns kema bist", sagt der Ortsvorsitzende und hält ihm das entgegen, was alle hier auf einmal wieder so stolz macht: das rot leuchtende Parteibuch der SPD.

Nicht weniger leuchten die Augen des Ortsvorsitzenden, Martin Baumann. Selten ist er mit so viel Optimismus zum SPD-Frühschoppen gegangen. Dieser Tage aber ist seine Zuversicht so groß, dass er dafür sogar einen eigenen Korb braucht: Vier Parteibücher liegen darin und noch ein gehöriger Packen Beitrittserklärungen. Wer weiß, vielleicht treten spontan ja noch mehr ein. Das kann man nie wissen in diesen Zeiten, in denen die SPD in ganz Deutschland von einer Euphoriewelle erfasst ist, als wäre eben Willy Brandt auferstanden.

Sie ist von Berlin bis in das kleine, oberbayerische Trostberg geschwappt, in diesen dunkel getäfelten Wirtshaussaal, wo König Ludwig im goldenen Rahmen an der Wand hängt, aber eben auch der rote Herz-Bube. Der heißt bei der SPD gerade Martin Schulz. Am 24. Januar verkündete er seine Kanzlerkandidatur, und es scheint so, als würde das Datum schon jetzt als Zeitenwende in die Partei-Annalen eingeschrieben. Seitdem zählten sie in ganz Bayern 900 Neumitglieder in nicht einmal einem Monat, 2016 traten monatlich im Durchschnitt 113 Menschen ein. Auch in Trostberg haben sie seitdem drei neue Mitglieder, so viele wie im ganzen letzten Jahr.

"Schulz ist derjenige, der mein Herz am meisten anspricht", sagt Neumitglied Holzner. Wie er auftrete, sei "ehrlich", was er sage, sei "richtig". Schulz sei so, wie er sich die SPD wünsche, eine "volksnahe Partei, die die Probleme der normalen Menschen richtig angreift", die Probleme von Menschen wie ihm. Der 68-Jährige ist vor der Rente Lastwagen gefahren, ein "Arbeiter", wie er sagt. Immer schon sei er der SPD nahegestanden, jetzt aber sei es Zeit für das Parteibuch gewesen.

Ein paar Tische weiter sitzt Michael Wendl, kein Weißbier, sondern Kaffee. An seinem Tweet-Jacket eine kleine, silberne SPD-Nadel. Sonst trägt er sie fast nie, letztens aber, als er in einem Beirat mit ein paar Unternehmern zusammenkam, da steckte er sie sich wieder an. "Um denen zu zeigen, dass es die SPD schon noch gibt", sagt er. Vor Schulz hätten manche da durchaus Zweifel angemeldet, jetzt aber sei "alles anders."

Schulz hat nichts mit der Berliner Politik zu tun

Es sei ganz erstaunlich, aber "jetzt ist die SPD im Aufschwung", sagt Wendl. Er erklärt sich das so: Jahrelang sei die Bayern-SPD "mutlos" gewesen und nicht sicher in ihrem politischen Kurs: War die Agenda 2010 jetzt notwendig oder nicht? Ob Sigmar Gabriel oder Frank-Walter Steinmeier, sie waren Architekten der Hartz-Gesetze, dem ewigen Streitthema der SPD. Bei Schulz aber stelle sich die Frage nicht.

Schulz, Schulz, Schulz - selten war jemand, der nicht da ist, so präsent. An diesem Sonntag in Trostberg ist er der unsichtbare Held des Tages. Der Gastredner und Landtagsabgeordnete Günther Knoblauch redet vom "Schulz-Zug, der ohne Bremse unterwegs ist", von Schulz, der wieder zeigt, was Sozialdemokratie heißt, der allen Mut macht. Denn Schulz hat den Trostbergern nicht nur neue Mitglieder beschert, sondern vor allem wieder so etwas wie Stolz.

Die letzten drei Jahre verlor die Bayern-SPD jährlich mindestens 1500 Mitglieder, auch, weil viele alt sind und sterben. 61 Jahre ist das bayerische SPD-Mitglied im Durchschnitt. Blickt man sich im Trostberger Wirtshaus um, schimmern auch hier die meisten Haare grau, obwohl sie sogar ein recht junger Ortsverein sind. "Wenn nur ein Neumitglied im Jahr kommt und die anderen sterben weg, dann ist das frustrierend", sagt Monika Heinze, selbst noch mit blonden Haaren.

Der Schulz-Aufschwung jetzt, das sei auch ein Aufschwung für die leidende SPD-Seele. Als letztes Jahr eine 18-Jährige dazukam, da sei was losgewesen: In einem Kreis wurde sie von allen umringt, sie solle wiederkommen, sich engagieren. Auch jetzt ist unter den Schulz-Neuzugängen ein 22-Jähriger. Sein Parteibuch liegt noch im Korb, er konnte leider nicht kommen, teilte er per SMS mit. Auf der Beitrittserklärung, die an diesem Sonntag so optimistisch auf den Tischen verteilt wurde, steht drauf, was die SPD ihren Mitgliedern bietet.

Rudolf Haupt hält gerade eine in seinen Händen. Der 76-Jährige kneift die Augen zusammen und liest langsam: "Entscheide mit bei den wichtigen Zukunftsfragen". "Naja", sagt er und legt den Flyer weg. Was könne so ein Mitglied denn entscheiden? "Ich kann meine Meinung sagen, aber im Grunde genommen entscheiden die da oben", sagt Haupt. Die da oben, das seien der Gabriel und die Merkel in Berlin. Und in Bayern, wo gerade die Basis über den neuen SPD-Landeschef entscheiden soll? "Da ist da Horstl da, und der macht alles", sagt Haupt. Die SPD habe da doch eh nichts zu sagen.

Und auch was den unaufhaltsamen "Schulz-Zug" ohne Bremsen angeht, ist Haupt eher untereuphorisiert. Gerade hätten sie doch wieder was ausgegraben über Schulz, dass er einem Mitarbeiter in Brüssel ungewöhnlich gute Konditionen zugeschustert habe. "Alle sind gleich, alle bereichern sich", das würden die Leute jetzt doch denken, sagt Haupt.

Und überhaupt, was sei mit der Parteispenden-Affäre in Regensburg, das seien doch alles SPD-ler. "Wo soll da Aufbruchstimmung sein?", fragt Haupt. Sein schönstes Erlebnis in 40 Jahren SPD war auf jeden Fall, als er mit der Partei einen Ausflug nach Berlin in den Bundestag gemacht hat. Vielleicht sollten Neumitglieder zuerst nicht gerade mit ihm reden, sagt er. Aber sie sollten sich nicht entmutigen lassen, er sei eben generell ein skeptischer Mensch.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Bei der Bayern-SPD zu sein, das ist, als ob man ein Löwen-Fan sei. Ans Verlieren müsse man sich eben gewöhnen, heißt es auch am Nachbartisch. "Ertragen, ertragen, ertragen", so laute das Mantra, das jedes Neumitglied sich einprägen müsse. Es klingt nicht deprimiert, aber trotzdem: ertragen? Hat sich Holzner das bei der SPD so vorgestellt? "Wir sind eben zweite Liga", sagt er. Das wisse er schon. Aber wer weiß, mit Schulz könne sich das ja ändern.

Alle Beitrittserklärungen, die er ausgeteilt habe, seien mitgenommen worden, sagt der Ortsvorsitzende Martin Baumann. Auch er kenne einige, die vielleicht der SPD beitreten wollen. Baumann hat schon mal vorsorglich neue Parteibücher in Traunstein bestellt. Für's Erste fünf Stück. "Man muss ja nicht gleich übertreiben", sagt er.

Von Lisa Schnell, Trostberg
 
 

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